Scheinwelten
Scheinwelten – Augentäuschung in der Malerei der Gegenwart
Jürgen Dressel, Wolfgang Harms, Michael Lassel, Jo Niklaus, Hans Niklaus
Fünf Maler unserer Zeit: fünf künstlerische Temperamente vereint in einer Ausstellung. Was sie verbindet, ist ihr Streben nach hoher, fast altmeisterlicher Perfektion in der Trompe-l’oeil-Malerei, der Kunst der Augentäuschung.
Die Titel ihrer Arbeiten sind Programm: „Turm zu Babel“, „Bau und Verfall der Kathedrale“, „Roter Mondvogel“, „Warhols Marylin in Scherben“, „Was Schönheit ist – ich weiß es nicht“, „Der einsame Wolf“, „Parfüm der Orients“. Die Titel beflügeln unsere Phantasie, rufen Erinnerungen wach und wecken unsere Sinne, Sehnsüchte und zuweilen Ängste.
Vom Reiz zur Täuschung ist es nur ein kleiner Schritt. Der Weg führt in diese Richtung, denn nur was fesselt, kann auch täuschen. Alles, was die Sinne reizt, haben die Künstler aufgeboten, um die Sinne in die Irre zu führen: hoch aufgetürmte Pyramiden mit anspielungsreich zusammengefügten Relikten unserer heutigen Kultur, oft gespiegelt im Trivialen, wie Dürers Selbstbildnis auf der Lebkuchendose, Fabelwesen in wuchernden Phantasielandschaften, Muscheln in unendlichen Farben und bizarren Formen, adressierte und frankierte Briefumschläge als Fundstücke in Bilderrahmen steckend, Popidol unter gesplitterter Glasscheiben.
Mehr als fünfzig Werke zeigt die Ausstellung. Kunstgeschichtlich stehen die Arbeiten in der Tradition der Trompe-l’oeil Malerei mit Anleihen aus dem Surrealismus und dem Phantastischen Realismus. Vorbilder, Zitate und Anklänge aus der fünfhundertjährigen Geschichte des Trompe-l’oeil finden sich verstreut in den Werken aller Künstler: der Typ des Jagdstilllebens des 16. Jahrhunderts, die illusionistischen Verkleidungen von Interieurs wie Schränke etc., das Vanitas-Motiv des 18. Jahrhunderts, das Quadlibet mit kleinen Dingen des Alltags oder auch Porträts unter zerbrochenem Glas, ein Sujet, das ebenfalls im 18. Jahrhundert beliebt war.
Die Künstler erfüllen die Tradition mit neuem Leben, denn die gegenstände, die sie uns zeigen, stammen zumeist aus unserer Zeit, sind uns vertraut. Der Möglichkeitssinn des Künstlers, wie ihn Robert Musil in der „Mann ohne Eigenschaften“ anführt, wirft sich auf die Wirklichkeit und schafft Trugbilder ohne Zahl: „Der Künstler erfindet: Hier könnte, sollte, müsste entstehen; und wenn man ihm von irgendetwas erklärt, dass es so sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken, und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist… Es ist die Wirklichkeit, welche die Möglichkeiten weckt, und nichts wäre so verkehrt, wie das zu leugnen“.
Rudolf Käs M.A., Leiter des Stadtmuseum Fembohaus
Vorwort zum Katalog

