Presse
Andys Marilyn in Scherben
Fünf Künstler für »Scheinwelten«: Fembohaus als Schummelplatz
Michael Lassels Vision
Babel-Turm aus gekippten
Schuhen und Familienbildern
Alles Augentäuschung - oder auch nicht:
Die Nürnberger Malerin Jo Niklaus, dem Perfektionismus "fast altmeisterlicher Art" verschrieben, hält für den AZ-Fotografen einen Spiegel vors Gesicht, in dem man sie und ihr "Monroe-Bild in Scherben" sieht.
Realismus so oder so.
Fotos: Bemy Meyer
Eins ist den fünf regionalen Künstlern, die sich der „Augentäuschung in der Malerei der Gegenwart" verschrieben haben und ihre perfektionistischen Schummelbilder als „Scheinweiten" im Fembohaus zeigen, gemein - die „Leidenschaft für den Gegenstand, und die Lust, damit zu spielen. Was Stadtmuseums-Chef Rudolf Käs dieser „Kunstrichtung ohne Zuhause" vollmundig bescheinigt, findet in der meistgemalten Figur der Gruppenschau eindrucksvolle Bestätigung. Marilyn Monroe führt vor Dürer, und bei solchem Gegenstand
Wird ja wohl niemand den Lustgewinn bestreiten.
Die „fast altmeisterliche Art“ der Gruppe, die sich trotz gelegentlicher Kollektiv-Auftritte
Nicht als solche versteht (Jürgen Dressel, Wolfgang Harms, Michael Lassel sowie das Ehepaar Jo und Hans Niklaus) überfällt den Betrachter geradezu mit ihren sattfarbenen Spiegelungen, Täuschungsmanövern und Trick-Dimensionen. Eine Orgie der Detailgenauigkeit bis zu abgemalten Muscheln, die Hans Niklaus als 7000 Stücke umfassende Originalsammlung für eine andere Ausstellung bereit hält.
Ob die Monroe als Warhol-Motiv in Scherben liegt oder neben Nofretete „Zeitlos schön" sein
darf, ein Schöner Brunnen aus Lebkuchendosen und Bierkrügen die Menzel-Kritiker auf den zweiten Blick auch nicht richtig freuen wird oder „Turm Babel" aus umgekippten Schuhen entsteht - es gibt unendlich viel zu sehen. Und anders als bei modernerer Kunst ist es kein Makel, seinen Augen nicht zu trauen.
Die Künstler, die sich in Deutschland „oft missverstanden“ fühlen (sie kommen aus
unterschiedlichen Vorgeschichten, von der Gebrauchsgrafik bis zur Wandmalerei), wollen nicht als kauzige Puzzler eingestuft werden. „Das ist kein Spiel, sondern eine Lebensart", lautete gestern die fast empört klingende Antwort auf die Frage nach dem Verschleißanfällig der Fantasie. Die neue Akzeptanz für den Realismus macht den Akteuren Mut, auch wenn sie mehr in der Reaktion von Ausstellungsbesuchern als auf dem Kunstrmarkt zu bemerken sei. Der Fürther Jürgen Dressel, laut Selbstbeschreibung „Weltenbummler" mit Affinität für Frankreich, spottete übers Trend-Debüt als Nürnberg-Spätzündung: „Von Paris hierher hat die Schnecke 27 Jahre gebraucht". D.S.
Ab heute bis 26. August im Fembohaus. Führungen bei der Blauen Nacht (21 und 23 Uhr) und an allen Juni-Sonntagen. 28-Seiten-Broschüre und Postkarten sind erschienen,
Scheinwelten im Fembohaus
Gruppenausstellung über Augentäuschung in der Malerei der Gegenwart
Wolfgang Harms: Blütenbläser, Acryl/Öl, 2005
Fünf Temperamente, ein Anliegen: Betrug! Keine Sorge. Wir reden nicht von Kriminalität, sondern, ganz im Gegenteil, von Ehrlichkeit. Von fünf fränkischen Künstlern, die zwar ungeniert mit Farbe und Pinsel „betrügen“. Wie sie aber ihr Handwerk heute verstehen und einsetzen, das steht ganz in der ehrlichen Tradition alter Meister. Das verrät Perfektion und Virtuosität von der Bild- und Farbkomposition bis ins feinste Spinnenfädchen.
Jürgen Dressel, Wolfgang Harms, Michael Lassel, Jo Niklaus und Hans Niklaus präsentieren zurzeit im Fembohaus in der Ausstellung „Scheinwelten“ mit über 50 Gemälden ihre schöpferische und technische Könnerschaft in Sachen „Augentäuschung“ – Trompe-l’oeil,
einer jahrtausende alten Spielart der Malerei, die Raumperspektiven verändern und/ oder illusionäre Effekte schaffen will. Jeder der fünf „neuen alten Meister“ ist darin ein Künstler von hohem Rang. Und jeder liefert hier den optischen Beweis, dass die klassische, die noble Malkunst noch existiert, die ihr Handwerk als Königsweg zur perfekten Bildästhetik versteht. Kommt Kunst also doch von Können?
Gewiss ist immerhin: Totgesagte leben länger. Und wer den Kunstdebatten traute, musste die figürliche Malerei bis vor kurzem für mausetot halten. Untergegangen in Kunstwellen aus Schmieröl und Heftpflastern, gemordet von einer Maltraditionen verachtenden Avantgarde. Doch die wütenden Wogen sind abgeebbt. Spätestens seit dem Welterfolg der realistischen „Neuen Leipziger Malerschule" wird technische Könnerschaft wieder positiv bewertet. Auch ein Ornament gilt nicht mehr länger als Verbrechen. Was das Publikum betrifft, ist ohnehin alles klar. Es konnte und wollte sich nie der Magie einer bestechenden Bildästhetik entziehen – nicht etwa, weil es nur aus vernagelten Traditionalisten besteht. Sondern weil es nach Klarheit und Ehrlichkeit verlangt. Und was ist in der Malerei schon klarer und ehrlicher als eine für jedermann erkennbare realistische gemalte Figur?
Hans Nikiaus: Rot-Blau Acrvl, 2005
Welche Augenlust nun endlich wieder befriedigt wird! Wie spannend dieses künstlerische Sujet doch ist! Der optische Bogen reicht hier von vitalem Übermut bis zu trostloser Morbidität. Jeder Künstler „täuscht“ den Betrachter auf seine ganz eigene Weise. Jürgen Dressel erzählt uns mit Arrangements vertrauter Gegenstände Geschichten und Anekdoten. Wolfgang Harms treibt sein farbenprächtiges Spiel mit den Illusionen mit unbändiger Gestaltungslust ins übermütig Barocke und traumhaft Phantastische. Michael Lassei schafft brüchige Schauwelten; oft häuft er banale Dinge zu seltsam bizarren Pyramiden. Jo Niklaus kombiniert ungemein wirklichkeitstreu kopierte Kunstwerke mit ganz gewöhnlichen Alltagsdingen, und ihr Ehemann Hans Nildaus setzt seine Liebe zu Muscheln und Schnecken in wunderbar plakative Stillleben um.
Jedes Bild ist „schön“. Doch das allein wär’s natürlich nicht. Wer genauer hinschaut, entdeckt den Hintersinn der Effekte, liest Zitate und ironische Verweise. Man lasse sich also nicht narren von der vermeintlich altmodischen und vordergründigen Liebe zu Gegenständen und Traumfiguren. Alles nur Kalkül. Dahinter verbergen sich tiefe Wahrheiten und Einsichten über das Leben und seine Erscheinungen, über unsere Ängste, Träume und Sehnsüchte. Wer meint, die seien von gestern, täuscht sich sehr.
Ulrich Scherfenberg
Schöne Scheinwelten
Die Kunst der Augentäuschung im Fembohaus
Ihr «Trick» ist die Perfektion, ihr Ziel die Augentäuschung: In verblüffend echt aussehende Scheinwelten entführen fünf fränkische Maler die Besucher im Nürnberger Fembohaus.
Holzregale, bestückt mit schillernden Muscheln, fordern förmlich zum hineingreifen auf, es wirbeln Blüten über den vermeintlichen Bilderrahmen, und Fabelwesen treten einem aus wuchernden Fantasielandschaften entgegen: Alles schöner Schein, alles glatte Oberfläche, aber mit dreidimensionaler
Anmutung. Trompe-rreil-Malerei ist der Fachbegriff für diese traditionsreiche Art der Malerei, die den Eindruck großer Plastizität erweckt. Ist diese Malerei gut gemacht, hält man die Gegenstände für real und nicht für gemalt - Sinnbilder für den trügerischen Schein der Welt.
Altmeisterliche Perfektion und die Liebe zur gegenständlichen Welt verbinden nach eigenen Worten die fünf Franken, die schon mehrfach gemeinsam ausgestellt haben und nun mit insgesamt 50 Arbeiten im Fembohaus vertreten sind. Mit dieser besonderen Spielart der gegenständlichen Malerei Hegt die Schau im Trend: «Man spürt, dass der Realismus wieder mehr Akzeptanz bekommt», sagt Wolfgang Harms, der von der Wandmalerei zum fantastischen Realismus kam, mit «Mondvogel» und «Blütenbläsern» als Leitmotiven.
Das sind bei Hans Nikiaus Schnecken und Muscheln* An realen Vorbildern mangelt es ihm nicht: Seine private Sammlung umfasst 2600 Muschelarten, In seinen Bildern drapiert er sie auf Regalen, in Schränken, spiegelt sie in Scheiben- Auch Ehefrau Jo beschäftigt sich seit fast drei Jahrzehnten mit der Trompe-rceil-Malerei. Effektreich greift sie besonders gerne das Werk des großen Meisters Dürer auf, zeigt seine (Selbst-)Porträts in ungewöhnlichen Kombinationen auf Staffeleien, Briefmarken, Geldscheinen, Eigenwillige Themen-Stillleben zur Literatur, der Musik oder der Seefahrerei arrangiert auch Jürgen Dressel. Die Pyramide ist bei Michael Lassei ein häufig wiederkehrendes Anordnungsmotiv bizarr verfremdeter Ding-Ensembles. «Bau und Verfall der Kathedrale» zeigt der in Fürth lebende Künstler, meisterlich gemalt - auf vermeintlich brüchiger Leinwand mit Rissen und Löchern, ruf
Fembohaus, Burgstr. 15. Bis 26. August, Di.-Fn 10-17, SaVSo. 10-18 Uhr. Führung So. 14 Uhr.
16.5.2007
© NÜRNBERGER NACHRICHTEN
Im Fembohaus wird das Auge getäuscht
Fantastische Scheinwelt
Man braucht schon einen gewaltigen Hang zum Perfektionismus, wenn man wirklich gut sein will in der Kunst der Trompe-l’oeil-Malerei. Denn damit die Augentäuschung (so der deutsche Begriff) wirklich funktioniert, ist ein schon vor dem Malen ausgeklügeltes Konzept nötig. «Dieses Bild habe ich meiner Frau beim Waldspaziergang schon in allen Einzelheiten beschrieben, ehe ich angefangen hatte zu malen», erzählt denn auch Hans Niklaus und deutet auf sein Werk «Conus excelsus», das einen geöffneten Schrank mit Muscheln und Schnecken zeigt, die sich in den gekippten Schranktüren spiegeln.
Ein Künstler mit Muschelsammlung
Dass auf so vielen von Niklaus’ Bildern Schnecken und Muscheln auftauchen, ist kein Zufall: «Ich habe eine Sammlung mit 2600 Arten», so der Künstler, der seit 1955 in Nürnberg lebt.
Perfektion treibt auch die anderen vier Künstler an, die zur Ausstellung «Scheinwelten – Augentäuschung in der Malerei der Gegenwart» Werke beigesteuert haben. Neben Hans Niklaus’ Frau Jo stellen Jürgen Dressel, Wolfgang Harms und Michael Lassel ab heute ihre Bilder im Stadtmuseum Fembohaus aus.
Insgesamt 50 Werke sind es, die das Auge des Betrachters täuschen sollen. Kunstgeschichtlich stehen sie in der Tradition der bereits in römischer Zeit gepflegten Trompe-l’oeil-Malerei mit Anleihen aus dem Surrealismus und dem Phantastischen Realismus des 20. Jahrhunderts.
Was ein wenig trocken klingt, ist in seiner Ausführung alles andere als langweilig: Das Auge wird nicht nur getäuscht, sondern geht regelrecht auf Entdeckungsreise. Farbenfrohe Bilder, die vor Details nur so strotzen, erwarten den Besucher.
Und als besonderes Bonbon führen die Künstler an den Sonntagen des Junis abwechselnd selbst durch die Ausstellung. Außerdem stellen sie sich in der «Blauen Nacht» am kommenden Samstag um 21 und um 22 Uhr zur Verfügung. Die restlichen Führungen übernimmt dann wie gewohnt das Kunst- und Kulturpädagogische Zentrum, jeden Sonntag um 14 Uhr.
Di.–Fr. 10–17 Uhr, Sa. und So. 10–18 Uhr, Führungen So. 14 Uhr, Stadtmuseum Fembohaus, Burgstraße 15. Weitere Infos unter 2 31 54 20
16.5.2007
© NÜRNBERGER ZEITUNG
